Veranstaltung

Klassiker des Monats: Prince of Persia

Sonntag, 1. September, 2019
Kulturen schreiben: Prince of Persia
Präsentiert von Tim Weber

15 Jahre, nachdem ich Prince of Persia in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre zum ersten Mal in der MS-DOS- Version gespielt hatte, erfuhr meine Faszination für das Jump ’n’ Run eine unerwartete Wendung. Bei ethnografischen Untersuchungen während meiner Studienzeit wurde ich mit einer Frage konfrontiert, die mein Verständnis von Erzählungen in Literatur, Film und Computerspiel neu herausforderte: Wie viel sagen meine Aussagen über den untersuchten Gegenstand aus und wie viel reflektieren sie viel eher mich selbst?

Erzählungen schaffen Welten. Das ist auch im Computerspiel so. Erzählungen beeinflussen unsere Sicht auf Gegenstände, Menschen und Sachverhalte. Ihnen wohnt insofern eine außergewöhnliche Macht inne, als dass wir in ihnen nicht immer zum Fremden finden. Wir erfinden das Fremde in Erzählungen neu und werden so zu Autor*innen ganzer Kulturen. In Bezug auf die Länder des Nahen und Mittleren Ostens hat Edward W. Said dafür den Begriff ‚Orientalismus‘ geprägt. Er bezeichnet ein politisch und gesellschaftlich etabliertes Machtverhältnis, diese Kulturen zu analysieren und gleichermaßen zu dominieren.

Das zugleich als barbarisch und exotisch, bedrohlich und romantisch tradierte Bild des ‚Orients‘ vermittelt uns eine Welt zeit- und raumloser Rückständigkeit, von Krieg und Despotie. Für den Westen begründet dieses Bild nachhaltig die Kolonisierung jener Länder. Prince of Persia bettet sich wie zahlreiche Filme und Bücher in diese seit der Antike fortgeschriebenen Erzählmuster ein und bedient sich dieses reichen Bilderhaushaltes. Jene um 1990 im Action-Adventure sehr populäre Bilderwelt um Abenteuerlust und Tausendundeine Nacht hat mich regelrecht elektrisiert. Dass hier Zuschreibungen über Persien (heute Iran) als das dezidiert Andere, als eine Gegenwelt zu Zivilisation, Moderne, Demokratie und Freiheit konstruiert werden, war mir als Kind nicht bewusst.

Es sind jene Erzählmuster, die noch heute täglich in Berichten über den Arabischen Frühling, die Bürgerkriege in Syrien oder in Debatten um Kopftuch und Kriminalität das rückständige gewalttätige Bild eines sogenannten ‚Orients‘ tradieren, das im Westen seit jeher die gleiche Funktion hat: Herrschaftswissen konstituieren und kulturelle Überlegenheit demonstrieren. Orientalismus geht über einen einfachen Ethnozentrismus hinaus, er ist selbstreflexiv. Der Westen lernt aus der Analyse des ‚Orients‘ über sich selbst,
deutet ihn dabei jedoch als Experimentierlandschaft um. Das hat durchaus spielerische Züge.

Mittlerweile spielt der ‚Orient‘ aus Tausendundeine Nacht keine große Rolle mehr im digitalen Spiel. Die in ihn projizierten Stereotype finden sich aber nach wie vor in Games wieder, deren Settings auf Kriegsschauplätze des Nahen und Mittleren Ostens verweisen. Die politische Gegenwart hat das digitale Spiel ästhetisch wie ludisch eingeholt.
Ort: Dauerausstellung
Tag: 1. September, 2019
Zeit: 10:00 Uhr
Kontakt
Computerspielemuseum
Karl-Marx-Allee 93a
10243 Berlin

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(täglich 10-20 Uhr)